Kliniken warnen bei gemein­samer Presse­kon­ferenz vor Einsparrisiken

Kliniken warnen vor Einspar­ri­siken und Versor­gungs­eng­pässen: Beitrags­sta­bi­lität darf nicht auf Kosten der Versorgung gehen

Presse­kon­ferenz zum GKV-Beitrags­satz­sta­bi­li­sie­rungs­gesetz am Klinikum Kassel

Kassel, 09.06.2026. Angesichts der aktuellen Diskus­sionen um das geplante GKV (Gesetz­liche Krankenversicherung)-Beitragssatzstabilisierungsgesetz warnten Vertreter nordhes­si­scher Kliniken und Klinik­träger während einer Presse­kon­ferenz vor erheb­lichen negativen Auswir­kungen auf die Patien­ten­ver­sorgung in Nordhessen.

Dr. Michael Knapp, Vorstands­vor­sit­zender der Gesundheit Nordhessen (GNH), Johannes Brack, kaufmän­ni­scher Geschäfts­führer des Klinikum Kassel, Helmut Zeilfelder, Pflege­di­rektor des Klinikum Kassel und des Krankenhaus Bad Arolsen, Sassan Pur, Geschäfts­führer der Hessen­klinik Stadt­kran­kenhaus Korbach gGmbH und Michael Schmidt, Geschäfts­führer der Marien-Elisabeth-Kliniken Kassel gGmbH kamen am Dienstag, 9. Juni, zu einer gemein­samen Presse­kon­ferenz zusammen, um zu warnen: Aus Sicht der Kliniken drohen durch die geplanten Regelungen nicht nur finan­zielle Engpässe, sondern auch struk­tu­relle Risiken, die die medizi­nische Versorgung in Ballungs­räumen und ländlichen Regionen in Nordhessen gleicher­maßen gefährden.

 Kurzfristige Kosten­ein­spa­rungen verhindern einen konse­quenten Transformationsprozess

„Als Vertreter nordhes­si­scher Kliniken unter­stützen wir eine struk­tu­rierte Trans­for­mation der Kranken­haus­land­schaft“, sagt Dr. Michael Knapp, Vorstands­vor­sit­zender der Gesundheit Nordhessen (GNH), zu der das Klinikum Kassel und das Krankenhaus Bad Arolsen gehören. „Das GKV-Beitrags­satz­sta­bi­li­sie­rungs­gesetz kolli­diert mit der Umsetzung einer gut vorbe­rei­teten und syste­ma­ti­schen Kranken­haus­reform in Hessen; und dies kurz vor der Ziellinie. In der zweiten Jahres­hälfte 2026 werden den hessi­schen Kranken­häusern ihre zukünf­tigen Rollen durch das Land Hessen zugewiesen. Die zusätz­liche Unsicherheit und kurzfris­tigen Belas­tungen treffen die Kranken­häuser in einer Phase, in der wir uns auf die Kranken­haus­reform vorbe­reiten. Eine nachhaltige Verbes­serung der Finan­zie­rungs­pro­bleme der Gesetz­lichen Kranken­ver­si­cherung liegt nicht in pauschalen Kürzungen, sondern in einer konse­quenten Umsetzung von Struk­tur­re­formen in allen Teilen des Gesundheitswesens.

Wir fordern Bund und Länder daher dringlich auf, alle Spiel­räume für eine beschleu­nigte Umsetzung der Krankenhaus- und Notfall­reform zu nutzen und die umgehende Etablierung einer tatsächlich fallzahl­un­ab­hän­gigen Vorhal­te­fi­nan­zierung sicherzustellen.“

Kranken­haus­sektor ohnehin schon bundesweit finan­ziell angespannt

Johannes Brack, kaufmän­ni­scher Geschäfts­führer des Klinikum Kassel, ergänzt „In einem bereits stark regulierten und finan­ziell angespannten Kranken­haus­sektor schreiben laut Prognosen der Deutschen Kranken­haus­ge­sell­schaft (DKG) 60 bis 70% der Kliniken 2025 rote Zahlen. Da rund 80% der Kosten fix sind und die Vergütung durch Landes­ba­sis­fall­werte sowie regula­to­rische Vorgaben kaum flexibel anpassbar ist, bleibt wenig Spielraum für Einsparungen.

Allein die hier anwesenden Kranken­haus­ver­treter erwarten in ihren Häusern durch die im beabsich­tigten Gesetz hinter­legten Maßnahmen eine Budget­kürzung von ca. 24 Mio. € bzw. 5% des jewei­ligen Gesamt­budgets – das entspräche im Stadt­kran­kenhaus Korbach einer zusätz­lichen Ergeb­nis­be­lastung von ca. 2 bis 3 Mio. Euro, in den Marien-Elisabeth-Kliniken von ca. 6,5 Mio. Euro und im Klinikum Kassel von ca. 15 Mio. Euro pro Jahr“, so Brack weiter.

Forderung nach verläss­licher Finan­zierung für faire Löhne

Die Beschäf­tigten im Krankenhaus leisten täglich Heraus­ra­gendes für die Patient*innen in Nordhessen. Um diese Qualität zu sichern, müssen Fachkräfte gehalten und neue gewonnen werden – mit wettbe­werbs­fä­higen Gehältern und verläss­lichen Tarifstrukturen.

„Unsere Mitar­bei­tenden sind das Rückgrat der medizi­ni­schen Versorgung. Ohne sie funktio­niert kein Krankenhaus“, erklärt Sassan Pur, Geschäfts­führer der Hessen­klinik Stadt­kran­kenhaus Korbach gGmbH. Doch genau diese Beschäf­tigten geraten zunehmend unter Druck.

Grund ist das GKV-Beitrags­satz­sta­bi­li­sie­rungs­gesetz, das die Beiträge stabi­li­sieren soll, den Kliniken aber erheb­liche Mittel entzieht. Besonders kritisch ist der Wegfall des vollstän­digen Tarif­aus­gleichs, wodurch steigende Perso­nal­kosten nicht refinan­zierbar werden. „Kranken­häuser können ihre Preise nicht einfach erhöhen. Wie faire Lohnstei­ge­rungen künftig finan­ziert werden sollen, ist völlig unklar“, so Pur weiter.

Zuschläge, Zusatz­leis­tungen und Anreize zur Mitar­bei­ter­bindung sind vielerorts nicht mehr wirtschaftlich tragbar. Das Krankenhaus appel­liert an die hessi­schen Abgeord­neten, sich für eine verläss­liche Finan­zierung einzu­setzen. „Wer gute Versorgung will, muss auch gute Arbeits­be­din­gungen ermög­lichen. Die Beschäf­tigten im Gesund­heits­wesen dürfen nicht die Verlierer der Sparpo­litik werden. Traurig, dass wir hier als Bittsteller auftreten müssen. Unser Fachkräfte hätten mehr Wertschätzung verdient!“, betont Sassan Pur.

Finanz­sta­bi­li­sierung nicht gegen Versor­gungs­si­cherheit ausspielen

Mit der Einführung des Pflege­budgets im 2020 ist es gelungen, Fehlent­wick­lungen des DRG-Systems zu korri­gieren. Das Pflege­budget bedeutet, dass Pflege­leis­tungen 1:1 refinan­ziert werden; Kranken­häuser können hier bedarfs­ge­recht Pflege­kräfte einstellen und entwi­ckeln. „Dies soll auch dazu führen, dass die Attrak­ti­vität des Pflege­be­rufes wieder steigt“, kommen­tiert Helmut Zeilfelder, Pflege­di­rektor der GNH.

Das geplante GKV-Beitrags­satz­sta­bi­li­sie­rungs­gesetz sehe vor, Pflege nicht mehr vollständig zu refinan­zieren – im Gegenteil; das sogenannte Pflege­budget solle „gedeckelt“ werden. Damit gerate die Pflege wieder unter ökono­mi­schen Druck.

„Finanz­sta­bi­li­sierung darf nicht gegen Versor­gungs­si­cherheit ausge­spielt werden“, sorgt sich Pflege­di­rektor Helmut Zeilfelder.

Mit der geplanten Fortschreibung des Budgets auf Basis des Vorjah­res­budgets und der Begrenzung über den Verän­de­rungswert werde die Pflege wieder zu einer Kosten­va­riablen. Hinzu komme die Rücknahme der vollstän­digen Tarif­re­fi­nan­zierung. Damit steige der finan­zielle Druck auf die Kranken­häuser, bisher refinan­zierte Stellen geraten unter Druck und notwendige Perso­nal­ent­wick­lungen werden verhindert oder zumindest deutlich erschwert.

 Wunsch nach weniger Bürokratie und Gefahr höherer MD-Prüfquoten

„Kranken­häuser stehen bereits heute unter erheb­lichem wirtschaft­lichem Druck. Mit dem geplanten GKV-Beitrags­satz­sta­bi­li­sie­rungs­gesetz droht sich die Situation weiter zu verschärfen – insbe­sondere durch unver­ändert hohe bürokra­tische Anfor­de­rungen und die aufwen­digen Prüfver­fahren des Medizi­ni­schen Dienstes (MD)“, sagt Michael Schmidt, Geschäfts­führer der Marien-Elisabeth-Kliniken Kassel gGmbH.

Allein die Vorbe­reitung, Begleitung und Nachbe­ar­beitung von MD-Prüfungen binde in allen Kliniken erheb­liche perso­nelle Ressourcen. Beschäf­tigte, die eigentlich für die Patien­ten­ver­sorgung oder die Organi­sation des Kranken­haus­be­triebs benötigt werden, müssten sich statt­dessen mit Dokumen­ta­ti­ons­pflichten, Nachweisen und Verwal­tungs­auf­gaben beschäf­tigen. Dies verur­sache hohe Kosten, ohne einen unmit­tel­baren Mehrwert für die Versorgung der Patient*innen zu schaffen.

„Dokumen­tation und allge­meine Bürokratie in Medizin und Pflege hat sich derartig erhöht, dass Schät­zungen zufolge mit einer radikalen Verein­fa­chung der Vergü­tungs­be­stim­mungen und den damit einher­ge­henden Anfor­de­rungen an Dokumen­tation bis zu 40 % der Arbeitszeit von Ärzt*innen und 33 % der Arbeitszeit von Pflege­kräften einge­spart werden könnten“, erklärt Schmidt. „Wir brauchen eine Gesund­heits­po­litik, die Kranken­häuser entlastet statt zusätzlich belastet. Unser Ziel ist nicht weniger Qualität, sondern mehr Zeit für die Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind“, so der Geschäfts­führer weiter.

Fazit und zentrale Botschaft:
Beitrags­satz­sta­bi­lität darf nicht auf Kosten der Versorgung gehen

Die Kliniken appel­lieren eindringlich an Politik und Öffent­lichkeit, die gesund­heit­liche Infra­struktur nicht durch kurzfristige Maßnahmen zu gefährden. Man unter­stütze die geplante syste­ma­tische Trans­for­mation der Kranken­haus­ver­sorgung, wie sie zum Beispiel vom Land Hessen struk­tu­riert vorbe­reitet und umgesetzt wird. Ziel müsse es sein, Beitrags­sta­bi­lität zu erreichen und gleich­zeitig Kranken­häuser syste­ma­tisch für die Zukunft aufzu­stellen, ohne dass die Versorgung der Bevöl­kerung darunter leide – so die einhellige Meinung aller Podiumsteilnehmer.

 

Zum Hinter­grund
Das Kranken­haus­re­form­an­pas­sungs­gesetz (KHAG) wurde am 6. März im Bundesrat verab­schiedet. Im Anschluss begannen alle Bundes­länder, die Umsetzung der Kranken­haus­reform vorzu­be­reiten. Das nun vorge­schlagene GKV-Beitrags­satz­sta­bi­li­sie­rungs­gesetz soll die Beiträge zur gesetz­lichen Kranken­ver­si­cherung stabi­li­sieren, indem es unter anderem den Kranken­häusern dafür Mittel in Milli­ar­denhöhe entzieht. Eine Verschlech­terung der Gesund­heits­ver­sorgung sowie ein Konter­ka­rieren der dringend notwen­digen Kranken­haus­reform sind zu befürchten.

 

(von links) Dr. Michael Knapp, Vorstandsvorsitzender der Gesundheit Nordhessen (GNH), Michael Schmidt, Geschäftsführer der Marien-Elisabeth-Kliniken Kassel gGmbH, Helmut Zeilfelder, Pflegedirektor des Klinikum Kassel und des Krankenhaus Bad Arolsen, Sassan Pur, Geschäftsführer der Hessenklinik Stadtkrankenhaus Korbach gGmbH und Johannes Brack, kaufmännischer Geschäftsführer des Klinikum Kassel

v.l.: Dr. Michael Knapp, Vorstands­vor­sit­zender der Gesundheit Nordhessen (GNH), Michael Schmidt, Geschäfts­führer der Marien-Elisabeth-Kliniken Kassel gGmbH, Helmut Zeilfelder, Pflege­di­rektor des Klinikum Kassel und des Krankenhaus Bad Arolsen, Sassan Pur, Geschäfts­führer der Hessen­klinik Stadt­kran­kenhaus Korbach gGmbH und Johannes Brack, kaufmän­ni­scher Geschäfts­führer des Klinikum Kassel. (GNH I I.Eisel)